Ein Besuch in Israel
von Hanna-Maria Paul
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Erfahrungsbericht einer Verdächtigen

Von feilschenden Händlern und patriotischem Kebab

Ein Besuch in Israel - zwischen Nationalflaggen und drei Weltreligionen

Das Flugticket gebucht, die Koffer gepackt. Als ich mit meinen Freunden Ende Mai nach Israel flog, ließen wir nicht nur die geschriebenen Abiturprüfungen hinter uns, sondern auch das trübe norddeutsche Wetter. Wir besuchten unsere Freundin, die in Israel zurzeit einen Freiwilligendienst absolviert. Meine Erwartungen an das vorderasiatische Land? Warm, bunt, patriotisch.
Ersteres ließ sich bereits beim Verlassen des Flughafens bestätigen, die israelische Landschaft entpuppt sich als weitgehend karge, in Wellen aus Beige-Schattierungen fließende Wüstenlandschaft. Beim Fahren durch das Land begegnet der Blick desinteressiert kauenden Kamelen auf den sandigen Hügeln neben der Landstraße, die zwischen den einzelnen Städten kaum mehr als ein paar staubige Häuseransammlungen passiert. Doch auch weite Sonnenblumenfelder und blendend lila Blumenstauden säumen zuweilen die Wege.
Nach der Ankunft in Tel Aviv ging es für uns mit einem rostigen Bulli nach Kiryat Gat, wo sich das Kinderheim Neve Hanna (hebr. Hannas Oase) befindet. Bereits zuvor beim Gang durch den engen Tunnel, der aus dem Flugzeug führt, sind die Wände mit Werbeplakaten der israelischen Armee mit Aufschriften wie ,,bringing our people home“ beklebt und die Nationalflagge hängt jeweils in einem Abstand von zehn Metern hinter den Leitplanken der Autobahn. Soviel zum Thema Patriotismus.
Natürlich stellten sich mir verschiedene Fragen auf dieser Reise, vor allem bedingt durch die regelmäßige Medienpräsenz des Landes und meine vorherige Recherche:
Wo ist der palästinensisch-israelische Konflikt spürbar? Was hat es mit den oft beschriebenen staatlichen Sicherheitsmaßnahmen im Land auf sich? Und wie dominant ist Religion in einem jüdisch geprägten Staat wie Israel?

Seitenstraße in der Alten Stadt

Ethnische Spaltung des Landes und Indifferenz?

Herkunft und Religion sind zentrale Aspekte in Israel, denn landesweit macht sich eine Abgrenzung der Bevölkerung in Israelis, Araber und Andere bemerkbar. Wobei man bei den Einheimischen sowohl über vorurteilsfreie Toleranz als auch radikale Ablehnung der anderen Bevölkerungsgruppe gegenüber stolpert. Mit der historischen Staatsgründung und den bestehenden ethnischen Konflikten in Israel im Hinterkopf scheint dies kaum verwunderlich: Bereits mit dem ersten Zuzug (1. Alijah) jüdischer Flüchtlinge nach Israel Ende des 19. Jahrhunderts entstanden Ressentiments zwischen der palästinensischen Bevölkerung und den jüdischen Migranten. Das besiedelte Territorium wurde von beiden Seiten gleichermaßen beansprucht - zwei völlig unterschiedliche Kulturen trafen aufeinander. Die Juden, die überall auf der Welt in einer Diaspora lebten, strebten einen jüdischen Nationalstaat in Israel an, dem Territorium, dem sie sich religionshistorisch verbunden fühlten. Durch die Staatengründung Israels 1948 intensivierte sich der Konflikt der beiden Bevölkerungsgruppen und eskalierte schließlich in einem Krieg zwischen israelischen Truppen und der Arabischen Liga, die die arabische Kultur repräsentiert. Nach dem israelischen Sieg kam es zu Flucht und Vertreibung der Palästinenser, von denen viele zu sogenannten ,,Staatenlosen“ wurden und in den Nachbarregionen Zuflucht fanden. International ist die Rede von einer Beendigung des Konflikts mithilfe einer Zwei-Staaten-Lösung für Israel und Palästina.
Doch wie viel wird für Völkerverständigung getan, in einem Land, in dem Terroranschläge eine derart große Bedrohung darstellen?
Im Austausch mit einigen Israelis waren sowohl die Palästinenserfrage als auch der mit ihr in Verbindung gebrachte Terrorismus kein Tabuthema, sondern wurden offen diskutiert. Oft gab es diplomatische Statements. Doch als schockierend empfand ich die Abgestumpftheit, mit der einige Israelis Gewalt und Extremismus begegneten. Dies offenbarte sich, als am Strand (keine zehn Kilometer von Gaza entfernt) zwei laute explosionsartige Geräusche zu hören waren und unser israelischer Freund mit einem Schulterzucken erwiderte, dass es sich wahrscheinlich um Detonationen aus dem Gazastreifen handele (,,Maybe it was a car bomb.“).
Auch im Kinderheim gibt es nur eine Gruppe, in der jüdische und muslimische Kinder (überwiegend beduinische Mädchen und Jungen) gemeinsam essen, lernen, spielen. Diese Gruppe gehört zu den einzigen gemischten Heimgruppen in ganz Israel, denn muslimische Kinder werden eher in anderen, nicht israelischen Einrichtungen untergebracht - viele Spendengelder sind an diese Bedingung geknüpft.

Besuch in einer Moschee

Religiöse Vielfalt und Koexistenz

Bereits die strenge Ausübung des Shabbats, die die Suche nach geöffneten Restaurants erheblich erschwert, deutet auf die religiöse Prägung des Landes hin. Geschickt wird in diesem Fall Arbeitsteilung betrieben: Am Shabbat hat der arabische Laden geöffnet, am Sonntag hingegen das jüdische Geschäft.
An Religionsträchtigkeit nicht zu übertreffen ist allerdings Israels größte Stadt Jerusalem. Mit Durchschreiten des Damaskustors gelangt man nicht nur in die labyrinthartigen Gänge des arabischen Basars, sondern trifft auf die geballte Mischung aus gläubigen Juden, Christen, Muslimen oder Atheisten aus aller Welt. Die Old City überrascht mit ihren Klischees und der friedlichen Betriebsamkeit des Marktes.
Der Blick auf die Gassenschilder verrät, dass ich mich auf der Via Dolorosa befinde, dem Weg, den Jesus mit dem Kreuz auf dem Rücken beschritt. Es riecht nach Kardamom, Satar und Safran, während die Händler auf sechs verschiedenen Sprachen armenisches Porzellan anbieten. Euphorische Schulklassen laufen einstimmig jüdische Volkslieder singend auf die Klagemauer zu, während hinter der steinernen Wand die goldene Kuppel der Al-Aqsa-Moschee glänzt. In der Grabeskirche keine hundert Meter weiter (die aufgrund von christlichen Streitigkeiten muslimisch verwaltet wird) herrscht eine angenehme Kühle. Es riecht nach Weihrauch. Beim Betrachten des Salbungssteins Jesus hört man von draußen den Muezzin zum Mittagsgebet rufen.
Alle drei monotheistischen Weltreligionen prallen mit exzessiver Intensität im historischen Jerusalem aufeinander. Trotz bewaffneter Militärpräsenz fühle ich mich durchgehend sicher - vielleicht auch gerade deshalb?
Am Ende des Tages verlassen wir die historische Altstadt mit dem Bauch voller Falafel und einer Menge Eindrücke.
Vor dem Damaskustor treffen wir auf dutzende Journalisten, die sich mit Mikrophonen und Spiegelreflexkameras positioniert haben. Am Jerusalem-Day, dem Tag, an dem die Altstadt Jerusalems von israelischen Streitkräften im Sechs-Tage-Krieg eingenommen und annektiert wurde, sollen eine Demonstration von nationalistischen Bürgern sowie kleinere feierliche Staatszeremonien vor dem Damaskustor stattfinden.
Gespannt auf die Demo, aber auch verblüfft von der Provokation einer solchen Festivität im arabischen Viertel der Stadt, setzen wir uns in ein am Geschehen gelegenes Restaurant und trinken Zitronenlimonade mit Nana (Minze).
Der Andrang von Personen ist kaum in Worte zu fassen. Erneut Schulklassen, Väter und Mütter mit ihren Kindern, ältere und jüngere Paare. Soweit das Auge reicht, hoch bis zur Spitze des Hügels links von der Old City wehen israelische Flaggen und zieren die Wangen vieler Demonstranten. Die Militärpräsenz ist noch höher als sonst, auf Pferden und zu Fuß stehen bewaffnete Soldaten an den Metallabsperrungen der Straße. Eine kleine Gegendemonstration der linken Parteivertreter findet sich umringt von gegnerischen Anhängern am Rand des Umzugs.

Gleich neben unserem Restaurant bildet sich eine aufgebrachte Menge arabischer Bürger, sie rufen ,,Allahu akbar“ (arb. Allah ist groß) und ,,Jerusalem für alle!“. Sofort nähern sich zwei Dutzend Soldaten, mischen sich auch unter diese aufrührerische Gruppe. Die arabischen Rufe werden von Frauen angeführt. Auch die israelische Demonstration wird von hebräischen Ausrufen begleitet, die wir allerdings auf die Distanz nicht verstehen können. Scharfschützen sind auf dem Damaskustor positioniert. Ein christlicher Geistlicher hält mitten in der Menschenmasse ein hölzernes, kleines Kreuz in die Höhe.
Es ist kein Geheimnis, dass Israels Konflikt tief verwurzelt ist. Frieden in der Region, so sehr Donald Trump ihn auch im Bereich des Möglichen sehen mag, erfordert deutlich mehr Einsatz und staatliche Maßnahmen zur Völkerverständigung und Integration von Minderheiten. Mein sonstiger Optimismus trifft auf den Schreck über die halbwüchsigen Mädchen und Jungen, die an der nationalistischen Demonstration teilnahmen. Wie kann dann noch von Hoffnung auf die nächste Generation die Rede sein, wenn sie bereits Partei in diesem Konflikt ergreifen?
Einer Aushandlung der Zwei-Staaten-Lösung, die für Frieden sorgen könnte, steht zudem im Wege, dass die palästinensischen Autonomiegebiete kaum als autark betrachtet werden können und nur eine schwache Zentralorganisation aufweisen. Israel hingegen stellt am Verhandlungstisch einen starken Verhandlungspartner mit westlichen Verbündeten dar. Die USA, die bisher als Vermittler agierten, sprechen sich seit der Ernennung Donald Trumps zum Präsidenten nicht mehr klar für die Zwei-Staaten-Lösung aus. Mit der möglichen Verlegung der amerikanischen Botschaft in die Stadt Jerusalem, die von beiden Konfliktparteien hart umkämpft wird, würde sich eine Zunahme amerikanischer Unterstützung für die israelische Konfliktpartei andeuten.

Damaskustor - Eingang zur Alten Stadt

Sicherheitscheck und Militärdienst für Frauen

Erschreckend, wie schnell man sich an mit Sturmgewehren und Maschinengewehren bewaffnete Soldaten gewöhnt. Selbst auf dem kleinsten Busbahnhof werden die Handtaschen kontrolliert und an jedem Ausgang sind Sicherheitskräfte positioniert. Wird mir durch diese Militärpräsenz ein Gefühl von Sicherheit oder eher im Gegenteil das Bewusstsein einer Bedrohung vermittelt, weil ich einen triftigen Grund für diese staatliche Reaktion vermuten muss?
Aktuelle Entwicklungen zeigen, dass mehr Israelis denn je das militärische Engagement, welches vor allem an der Grenze zum Westjordanland und in den Siedlungen starke Kontrollen an sogenannten Checkpoints beinhaltet, unterstützen. Während viele die Wehrdienstausübenden als ,,Helden“ bezeichnen, stellen andere die Frage nach ethnischen Benachteiligungen und moralischer Legitimation des Vorgehens der israelischen Sicherheitskräfte.
In Israel gilt der Wehrdienst, der in Deutschland seit 2011 nicht mehr obligatorisch ist und bis dato nur für Männer galt, auch für Frauen. Unsere israelischen Bekannten waren auch in Bezug auf den dreijährigen Militärdienst gespaltener Meinung. Für einige war es eine willkommene Tätigkeit, die dem guten Zweck zu dienen scheine, für andere verhinderte dies zunächst die Einschreibung in die Universität und gehörte keineswegs zu den persönlichen Interessen. Verständlicher scheinen diese Sicherheitsmaßnahmen allerdings, wenn man bedenkt, dass vermehrt Selbstmordattentate oder anderweitige Attacken durch die Terrororganisation Hamas verübt werden. Durch diese terroristische Lösung streben sie eine Zerstörung des Staates Israel an. Führend ist diese Partei im Gazastreifen, der als isoliertes palästinensisches Gebiet an der Küste zum Mittelmeer liegt.
Auch auf internationaler Bühne gibt es Vorbehalte: Trotz der gemeinsamen Gründungshistorie stehen die Vereinten Nationen Israel insofern kritisch gegenüber, als dass sie den massiven Siedlungsbau und die damit einhergehende Besetzung des Westjordanlandes, die seit mehr als 50 Jahren stattfindet, verurteilen. Auch wird des Öfteren von Menschenrechtsverletzungen durch israelische Sicherheitskräfte gesprochen. Es werden regelmäßig UN-Resolutionen mit einer schriftlichen Verurteilung der Enteignung palästinensischen Territoriums erlassen.
Nachdem wir eine Nacht im modernen, kontrastiven Tel Aviv verbracht hatten, stand der Rückflug an. Doch unsere Ausreise aus Israel war nicht so einfach wie gedacht. Glücklicherweise waren wir mehrere Stunden früher am Flughafen in Tel Aviv, denn wir mussten uns in die Sicherheits- und Gepäckkontrolle der verdächtigen Personen einreihen. Mit uns in der Reihe: Ein Franzose mit Dreadlocks, eine weitere Deutsche und ein älterer nahöstlich aussehender Geschäftsmann. Einzeln oder in Kleingruppen wurden wir zu unserem Aufenthalt und dem familiären Hintergrund unserer Freundin ausgefragt, die offensichtlich mit ihren arabischen Wurzeln als potenzielle Gefährdung eingestuft wird. Als jedes Teil im Koffer auf Sprengstoff untersucht und selbst unsere Armbänder und Fußsohlen abgetastet worden waren, konnten wir zum Flugzeug sprinten. Obwohl ich mir in Israel nichts zu Schulden kommen ließ, nicht einmal ins Westjordanland gereist war, schossen mir während der Kontrolle unwillkürlich tausende Überlegungen durch den Kopf. Hatte ich nicht vielleicht doch in einem Punkt gegen die Regeln verstoßen? Eingeschüchtert und gleichzeitig fasziniert von der Kontrolle musste ich darüber lachen, dass jede einzelne der Dreadlocks des Franzosen neben mir durchleuchtet wurde.
Meine Erwartungen an Israel wurden teilweise bestätigt, oft wurde ich überrascht - vor allem ist es bunt, warm und auch patriotisch.

Fighting for peace is like fucking for virginity

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#7 {main}