Lea Redlich wechselt in diesem Sommer als leitende Dramaturgin von der Landesbühne Niedersachsen Nord zum Landestheater nach Detmold.
von Rasmus Meyer, Vanessa Oesting, Julia Schöneich
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Theater

Anspruchsvoll: „Wilhelmshavener wollen nicht mit Boulevard abgespeist werden!“

Als leitende Dramaturgin der Landesbühne Niedersachsen Nord spricht Redlich dem Theater einen gesellschaftlichen Aufgabenwert zu. Im Interview geht sie weiter auf die gesellschaftliche Verantwortung des Theaters ein.

Die letzte Premiere der Spielzeit 2017/18 im Stadttheater Wilhelmshaven war zugleich der Abschied der leitenden Dramaturgin Lea Redlich von der Landesbühne Niedersachsen Nord. Geboren in Hamburg, studierte sie sechs Jahre lang Theaterwissenschaft in Bayreuth und Berlin. Nach fünf Jahren Aufenthalt in Wilhelmshaven rudert sie im Sommer zu neuen Ufern und tauscht Wilhelmshaven gegen Detmold ein.

Frau Redlich, wo hatten Sie die schönsten Erfahrungen, bzw. wo konnten Sie ihre Interessen am besten ausleben?

Das war tatsächlich hier in Wilhelmshaven. Neben Musicals kann man dem Publikum hier durchaus auch eine schwierige Autorin wie zum Beispiel Elfriede Jelinek zumuten und das finde ich sehr besonders für eine relativ kleine Stadt wie Wilhelmshaven. 

Als leitende Dramaturgin der Landesbühne Niedersachsen Nord haben Sie eine große gesellschaftliche Verantwortung. Wie gehen sie mit dieser Herausforderung um?

Es fängt alles beim Spielplan an. Man muss sich überlegen, wie man diesen gestaltet und was die aktuellen Themen sind, die uns vor Ort bewegen. Diese Spielzeit zum Beispiel haben wir den Matrosenaufstand von 1918 mit in den Blick genommen. Immerhin leben wir an dem Ort, an dem Deutschlands erste parlamentarische Demokratie entstanden ist. Aber es ist für das Theater nicht immer leicht, seinen Bildungsauftrag zu erfüllen. Gefällt den Menschen unser Programm nicht, bleiben sie einfach weg. Das ist natürlich schade und in solchen Fällen müssen wir ein bisschen mehr strampeln, um die Menschen ins Theater zu bekommen. Das heißt: Überzeugungsarbeit leisten. Ich glaube, es ist die Hartnäckigkeit, die am Ende zum Erfolg führt. 

Wie versuchen sie, die Leute an das Theater zu binden?

Der Spielplan ist auf jeden Fall ein Versuch, die Menschen nur durch die Titel der Stücke für das Theater zu begeistern. Dann kommt natürlich der Bereich der Öffentlichkeitsarbeit dazu. Alle äußeren Werbemaßnahmen, wie Flyer, Plakate oder Online-Werbung tragen zur Bindung bei. Wir sind zudem viel in Schulen unterwegs und stellen dort den Schüler*innen und Lehrern den Spielplan vor. Wir versuchen den Theaterbesuch so niedrigschwellig wie möglich zu machen. Außerdem gibt es für die jüngere Zielgruppe die Studentenflatrate, die aber zu unserem großen Bedauern kaum genutzt wird. 

Ganz allgemein betrachtet: Inwiefern werden die Inhalte von Schülern angenommen?

Allgemein sind wir da natürlich auf die Lehrerinnen und Lehrer angewiesen, die mit ihren Schülern ins Theater gehen. Wir haben eine großartige Kooperation mit der Oldenburgischen Landesbank, die jedes Jahr an die 11. Klassen Theatergutscheine verschenkt. Wir als Landesbühne ermöglichen Probenbesuche und Hintergrundgespräche. Ich glaube, die Junge Landesbühne kann sich da sehr glücklich schätzen, was die Zusammenarbeit mit den Schulen angeht. Im Abendspielplan bringen wir bewusst immer auch den Abiturstoff auf die Bühne. Das nehmen die Schulen unterschiedlich gut an - wahrscheinlich hängt das auch immer mit den Lehrplänen zusammen. 

Wie nehmen die Zuschauer die Einführungen und Publikumsgespräche der Theaterstücke an?

Eine Einführung gibt es zu jeder Vorstellung, es sei denn, es sind Stücke, die allein der Unterhaltung dienen. Dieses Angebot wird sehr gut wahrgenommen. Bei den schwereren Stoffen bieten wir im Anschluss an die Vorstellung ein Publikumsgespräch an. Die laufen leider nicht so gut und da bin auch ein wenig ratlos. Der Tiefpunkt war jetzt tatsächlich bei „Endstation Sehnsucht“.  Da haben sich nur zwei Menschen beteiligt, obwohl das eine Inszenierung war, die meiner Meinung nach mehr Wertschätzung verdient hätte. 

Gibt es Maßnahmen, um die Leute anzuregen in eine Diskussion miteinzusteigen?

Ich habe ein bisschen das Gefühl, dass es besser funktioniert, wenn der Regisseur oder die Regisseurin mit dabei ist, weil es das Interesse automatisch steigert. Ich denke, oft liegt es auch daran, dass der Theaterabend lang war, die Leute müde sind und einfach nur nach Hause wollen. 

Gibt es da einen Unterscheid innerhalb des Spielgebietes?

Ja, das Publikum in Jever nimmt die Publikumsgespräche deutlich besser an, als zum Beispiel hier in Wilhelmshaven. Dort habe ich das Gefühl, dass die Theatergemeinschaft anders gewachsen ist. Die Menschen in Jever haben schon seit 40 Jahren ein Landesbühnen-Abo und kommen regelmäßig.  Sie sind ganz treu und unglaublich dankbar, dass die Landesbühne dort spielt.

Was erhoffen Sie sich für das Theater in Zukunft und was wünschen Sie sich von dem Publikum?

Ich erhoffe mir vom Publikum, dass es neugierig bleibt und sich der Avantgarde, die das Theater im besten Fall ja immer ist, nicht verschließt. All das, was wir heute als selbstverständlich ansehen, war irgendwann mal Avantgarde. Theater muss sich weiterentwickeln und sucht dafür immer neue Formen und Arten. Ein Klassiker muss nicht immer klassisch inszeniert sein. Und mir selbst wünsche ich auch, dass ich neugierig und offen bleibe. Ich möchte mich der Zukunft des Theaters nicht verschließen, auch wenn es mal anstrengend werden kann. 

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