Jannes Wiesner vom Kreisjugendparlament im Gespräch mit Frieslands Landrat Sven Ambrosy.
von Jannes Wiesner
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Interview

„ Mit Pragmatismus an die Sache“

Im Gespräch mit Frieslands Landrat Sven Ambrosy über Perspektiven junger Menschen in der Politik, die Zukunftsfähigkeit der EU und das Ringen nach politischen Antworten in unruhigen Zeiten.

Jannes Wiesner: Herr Ambrosy, vor gut einem Jahr hat das Jugendparlament Friesland seine Arbeit aufgenommen, diverse Veranstaltungen zu den Themen von Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung durchgeführt und das Mitspracherecht der Jugend in der Politik wahrgenommen. Ein ziemlich gelungener Start, oder?
Sven Ambrosy: Natürlich ist es großartig zu sehen, zu welchem Ergebnis die intensive Diskussion des demografischen Wandels in Friesland geführt hat. Wichtig war uns dabei, vor allem den demografischen Prozess nicht nur in Hinblick einer alternden Gesellschaft zu betrachten, sondern vor allem darüber nachzudenken, welche Zukunft wir jungen Menschen in unserem Landkreis bieten können. Das Qualitätsversprechen an Jugendliche, dass für mich eine gute Bildung, starke Infrastruktur und natürlich auch Berufsperspektiven beinhaltet, stand dabei an erster Stelle.


Wiesner: Viele Herausforderungen für die Politik. Wie sahen aber ihre Erwartungen an die Jugendlichen, die sich engagieren wollten, aus? Eine Kampagne des Jugendparlaments, die Themenfelder der Ausgrenzung, Erinnerungskultur und gesellschaftlichen Herausforderungen abdeckt, war bestimmt nicht Teil der Erwartungshaltung?
Ambrosy: Wenn man Jugendlichen Freiräume bieten will, ist es grundsätzlich falsch, mit einer Erwartungshaltung an die Sache zu gehen. Aber es sind doch genau die Themen der Kampagne, die am Puls der Zeit liegen. Für viele Menschen ist es wieder wichtig geworden, ihre Heimat zu kennen und die damit verbundenen Werte zu leben. Die Suche nach der eigenen Identität und der Frage nach dem gesellschaftlichen Wandel ist aktueller denn je.


Wiesner: Warum spielen diese Themen gerade jetzt eine so große Rolle? Europa bietet uns die Stabilität von Wohlstand für viele und Frieden für alle, und dennoch werden die Zeiten immer unruhiger.
Ambrosy: Der Schlüssel dazu liegt in dem Verständnis der Ohnmacht vieler Menschen. Wir leben in globalisierten und internationalisierten Zeiten, die Welt rückt näher zusammen und die herkömmlichen Erklärungsmodelle bieten nicht mehr die soziale Sicherheit, nach der sich die Menschen sehnen. Gerade die momentan geführten ideologisierten Debatten lassen dabei oft keine pragmatischen Lösungen zu.


Wiesner: Warum dann nicht die herkömmlichen Erklärungsmodelle aufgreifen und neu definieren? Der Begriff Heimat fasst für viele Menschen das Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und der eigenen Identität zusammen, und trotzdem haben es die Rechten geschafft, den Begriff für ihre Zwecke zu missbrauchen. Noch immer scheint linke Politik die Bedeutung der Heimat nicht zu erfassen, um ihre offene, tolerante und moderne Form durchzusetzen.
Ambrosy: Linke Politik in Deutschland hatte schon immer ein Problem damit, den Begriff der Heimat für sich zu entdecken. Das hat natürlich mit dem Missbrauch des Begriffes durch die Nationalsozialisten zu tun. Heimat, im Sinne von Geborgenheit, Sicherheit und sozialem Umfeld, ist aber ein Grundbedürfnis für viele Menschen. Daher ist es klar, dass wir eben diese Sicherheit der Heimat allen bieten müssen. Beginnend bei der sozialen Gerechtigkeit, dem weiteren Streben nach Chancengleichheit und einem starken sozialen Absicherungssystem für alle in der Gesellschaft.


Wiesner: Wäre es dabei nicht gerade in Hinblick auf die eben angesprochene Globalisierung auch an der Zeit, für ein europäisches System der sozialen Sicherung zu plädieren? Der Eindruck eines reinen Wirtschaftsclubs der bald 27 EU-Mitgliedsstaaten besteht häufig.
Ambrosy: Das Verständnis der Europäischen Union muss klar weiter gefasst werden als das eines Bundes aufgrund von wirtschaftlichen Interessen. Entstanden als eines der weltweit größten Friedensprojekte, geht es auch heute noch um die Sicherung von Frieden, aber auch um ein neues Modell der europäischen Sozialpolitik. Solange wir europaweit die Probleme von fehlender gesellschaftlicher Teilhabe, Armut – insbesondere Kinder- und Altersarmut - und Jugendarbeitslosigkeit nicht ansprechen und lösen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn Populisten und EU-Skeptiker weiter an Zuwachs gewinnen. Konflikte entstehen immer dann, wenn Bedürfnisse nicht ausreichend befriedigt werden.


Wiesner: Also mehr Frieden, Gerechtigkeit und soziale Verantwortung von und für Europa. Wie sieht es mit einer europäischen Identität aus? Für mich ist es mittlerweile selbstverständlich, neben Friese auch Europäer zu sein.
Ambrosy: Wer die Identität und Kultur Europas und der einzelnen Staaten verstehen will, muss sie zunächst einmal kennenlernen. Für mich war es als Jugendlicher eine unglaubliche Erfahrung, mich in den Zug zu setzen und mit dem Interrail-Ticket in der Hand mein persönliches Europa zu entdecken. Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Möglichkeit jedem Jugendlichen einmal geboten werden sollte. Ein kostenloses – oder wenn das zu teuer ist – wenigstens stark vergünstigtes Interrail-Ticket zum achtzehnten Geburtstag wäre dafür ideal. Wir dürfen nie unterschätzen, welche Vorteile uns die EU gebracht hat: Jahrzehnte langer Frieden und Wohlstand. Um das zu verstehen, ist gegenseitiges Kennenlernen die Voraussetzung.


Wiesner: Herr Ambrosy, ich bedanke mich für das Gespräch!

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